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David Wagner: Leben

Irgendwann, damals, auf dem Weg zum Erwachsensein, ist in mir ein Monster mit zweifelhaften medizinischen Kenntnissen erwacht. Die Pubertät ist ein ewiges Wunder. “Hirntumor”, faucht das Monster seit dem, wenn mein Kopf schmerzt. Die Lunge blubbert? Embolie! Die Pumpe stottert? Herzstillstand! Ein Wunder, dass ich noch lebe. Ich bin ein zäher Hund.
Bücher, in denen Krankheiten auch nur entfernt eine Rolle spielen, scheue ich wie der Privatpatient das Mehrbettzimmer. Ich will das Monster nicht unnötig inspirieren. Der “Zauberberg” ist sowieso überbewertet, Baby.

Spätestens jetzt dürfte klar sein, welchen Mut mir die Lektüre von David Wagners Tatsachenbericht “Leben” abverlangt hat. Darin beschreibt er seine Lebertransplantation und geizt nicht blutigen Details. Als Kind wird bei ihm Autoimmunhepatitis diagnostiziert – seine Leber wird vom eigenen Körper bekämpft. Mit 13 hatte er eine Leber “wie nach 50 Jahren Alkoholkonsum”. Es beginnt eine jahrelange Leidensgeschichte. Wagner schluckt Medikamente gegen seine Krankheit und Medikamente gegen die Nebenwirkungen seiner Medikamente. Manchmal hört er eine “pharmakologische Symphonie” in sich rauschen. Dann die Transplantation, zwei komplett schwarze Seiten in der Buchmitte. In der zweiten Hälfte kämpft Wagner sich zurück in ein halbwegs normales Leben. Das scheint ihm gelungen, in diesem Jahr hat er für “Leben” den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen.

Der Text balanciert irgendwo zwischen Roman und Reportage. Es gibt wunderbar lakonische Passagen über die Ödnis des Krankenhausalltags, der Reflexionen vom Aschenbecher bis zum Umgang mit Wertgegenständen inspiriert, und über seine Mitpatienten. So schleppt ein übergewichtiger Metzger “zwei Bierkästen Flüssigkeit in seinem Bauch herum.” Im Tomographen hofft Wagner, dass ihm einfach ein neues Betriebssystem installiert wird. Mein persönliches Highlight: Kurz nach der Transplantation gibt es Leberwurst zum Abendbrot. Daneben gibt es aber auch nachdenkliche Passagen, in denen Wagner sich den Menschen ausmalt, der ihm seine Leber gespendet hat oder darüber nachdenkt, was wohl mit seiner alten Leber passiert ist. Das Buch ist auf eine sehr ernsthafte Weise lustig. Und es hat mein Monster zum Schweigen gebracht. Vorerst zumindest.

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Tobias Rüther: Helden. David Bowie und Berlin.

Och nee, Tobias Rüther. Bowie und Berlin, ist die Geschichte nicht durch? Ausgebrannter und verstrahlter Weltstar flieht nach Bowie und BerlinSchöneberg, auf der Suche nach sich selbst. Ziggy. Iggy. Hauptstraße. Dschungel. Anderes Ufer. Isherwood. Dann: Eno. Kreativer Ausbruch. „Heroes.“ Bowie selbst blickte in der Vorabsingle seines letzten Albums altväterlich-nostalgisch auf diese knapp drei Jahre zurück, woraufhin sich Berlin endlich wieder mal als Weltstadt mit popkultureller Relevanz fühlen durfte.

Um die Eingangsfrage zu beantworten: Ja, die Geschichte ist durch. Das scheint Tobias Rüther bei der Recherche zu „Helden. David Bowie und Berlin.“ irgendwann auch aufgefallen zu sein. Der Autor hat alte Weggefährten befragt, Musiker, Toningenieure. Keiner konnte oder wollte ihm etwas wirklich Neues erzählen. Also musste Tiefgang her, intellektuelles Funkeln, irgendwas. Heraus kam die Erkenntnis, dass Bowie nach Berlin kam, um „mit dem Blick ins Gestern im Heute spazieren zu gehen.” Hört sich erst mal toll an, trifft aber auf jeden Pauschaltouristen zu, der zwischen Mitte und Prenzlauer Berg einem gelben Schirm hinterherläuft. Nicht auszudenken: Hätte es in den Siebzigern schon Free Walking Tours gegeben, wäre der Berlinaufenthalt des Thin White Duke vielleicht erheblich kürzer ausgefallen. Ähnlich anstrengend und angestrengt lesen sich die Passagen, in denen der Autor wahlweise Ernst Bloch, Wolf Jobst Siedler oder die Maler der “Brücke” zur Demonstration der eigenen Belesenheit durch die Manege zerrt. Sorry, aber dann doch lieber B.Z.

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Roberto Bolaño – Das Dritte Reich

Wie in einem Hitchcock-Film beginnt alles ganz harmlos: Udo Berger fährt mit seiner Freundin Ingeborg nach Spanien in Urlaub, in ein Hotel, in dem er schon mit seinen Eltern viele Urlaube verbracht hat. Sie freunden sich mit einem anderen Paar aus Deutschland an, Charly und Hanna.

Doch während die anderen am Strand liegen, widmet sich Berger, ein Büroangestellter aus Stuttgart, im Hotelzimmer seiner eigentlichen „Arbeit“, dem Brettspiel Das Dritte Reich, in dem Schlachten des 2. Weltkriegs nachgespielt werden. Berger ist als Landesmeister eine Berühmtheit in der Szene. Sein ganzes Interesse gilt neuen Strategien und Spielzügen. Wenn ein Deutscher den 2. Weltkrieg nachspielt, bleiben faschistische Untertöne selten aus. So auch bei Roberto Bolaño. Berger beschwört die Schönheit von Angriffsformationen und Frontverläufen, ästhetisiert den perfekten Krieg, bewundert die deutschen Nazi-Generäle: „Zufrieden im Sieg, gute Verlierer in der Niederlage. Sogar in der totalen Niederlage.“ Auch sonst ist er wenig sympathisch. Er betrachtet die Welt mit einer kühlen Distanz, das Hotelpersonal fürchtet sich vor ihm. „Wir sind auf finstere, unausweichliche Weise allein“, schreibt er in sein Tagebuch. Die einzigen Menschen, die bei ihm Gefühle auslösen, sind die Hoteldirektorin Elsa, in die er sich verliebt, und der „Verbrannte“, ein geheimnisvoller, von Brandwunden gezeichneter Tretbootverleiher.

Der Pauschalurlaub verplätschert weitgehend ereignislos zwischen Strand, Restaurant und Disco. Dann kommt es zur Katastrophe: Charly verschwindet beim Surfen spurlos. Mord oder Selbstmord sind nicht auszuschließen, eine ominöse Vergewaltigung wird angedeutet. Noch bevor Charlys Leiche gefunden ist, reist Hanna überstürzt nach Deutschland zurück, kurz darauf folgt ihr Ingeborg. Berger will bleiben, bis der Fall aufgeklärt ist. Doch auch nachdem er Charlys Leiche identifiziert hat, bleibt er in Spanien, denn inzwischen liefert er sich mit dem Verbrannten auf dem Spielbrett eine Schlacht um Europa. Nachdem der Verbrannte zunächst wie ein talentierter Anfänger aussah, bringt er Berger immer mehr in Bedrängnis. Der igelt sich in seinem Hotelzimmer ein und verliert immer mehr den Kontakt mit der Realität. Wie Hitler in seinen letzten Tagen im Führerbunker hetzt er seine Armeen in immer aussichtslosere Kämpfe gegen einen übermächtigen Gegner und träumt weiter vom Endsieg. Längst ist Berger die hilflose Spielfigur in einem undurchsichtigen Spiel, das der Verbrannte, Elsa und ihr mysteriöser Krebskranker Mann mit ihm spielen. Doch selbst als Elsa ihn vor einer drohenden Katastrophe warnt und ihn bittet, nach Deutschland zurückzukehren, kann Berger sich nicht vom Spielbrett losreißen.

Schon in diesem frühen, zu Lebzeiten nicht veröffentlichten Roman, erweist sich Bolaño in Das Dritte Reich als großartiger Erzähler zwischen Houellebecq, Poe und E.T.A. Hoffmann. Fast unmerklich schiebt er Berger, der sich „in der besten Phase seines Lebens“ sieht, dem Abgrund entgegen. Doch leider verlässt den Autor aber auf den letzten Seiten der Schwung. Die Schlusskapitel, oft nur eine Seite lang, sind eher Skizzen als ein fertiger Text. Das schale, abrupte Ende lässt den Leser mit zu vielen losen Enden zurück.

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James Frey – Strahlend schöner Morgen

Strahlend schöner Morgen„Sie hatten Träume, nannten sie aber vor allem deshalb Träume, weil sie nichts mit der Realität zu tun hatten, weil sie ein fernes Unbekanntes waren, etwas, das nie Wirklichkeit werden würde.“ Diese Jagd auf großen Ruhm und kleines Glück begleitet James Frey in seinem Roman Strahlend schöner Morgen. Als Schauplatz wählt er den Ort, der die Illusion von Schönheit und Reichtum zu seinem Geschäftsmodell erhoben hat: Los Angeles. Die Traumfabrik. Die Stadt, in der 1919 der Glückskeks erfunden wurde. Doch hinter den sonnenbeschienen Kulissen lauert ein eiskalter Moloch, der sich von den Träumen und Hoffnungen derer ernährt, die hier ihr Glück suchen.

Solche Glücksjäger stehen im Mittelpunkt des Romans: Das White Trash-Pärchen Dylan und Maddie, das der trostlosen amerikanischen Provinz entflohen ist. Oder Esperanza, die behütete Tochter illegaler Einwanderer, die für eine bessere Zukunft büffelt. Der Obdachlose Old Man Joe ist dagegen schon einen Schritt weiter. Er tröstet sich jeden Tag aufs Neue mit billigem Weißwein über die zerplatzten Träume hinweg, liegt im warmen Sand und sucht nach Antworten, ohne die Fragen zu kennen. Am Beispiel solcher Außenseiter zertrümmert Frey den Markenkern der „Stadt der Engel“, das Image vom leichten Leben in lachsrosa. Und das macht er gründlich. Sein Los Angeles hat nichts zu tun mit palmengesäumten Boulevards, roten Teppichen und rauschenden Partys. Es ist eine Metropole der Gewalt und des Verfalls, ihre Bewohner sind allenfalls lästige Parasiten, eine gereizte, ausgehungerte Menschenmasse, „in der jeder einzelne versucht, den Tag zu überstehen, genug zu essen auf dem Tisch zu haben, ein Dach über dem Kopf, ein bisschen Geld auf der Bank.“ Wo das Prekäre den Alltag beherrscht, kann schon der kleinste Fehler eine Existenz zerstören. Oft braucht es dazu aber nicht einmal den.

Ambrose Parker dagegen hat es geschafft. Er ist ein schwerreicher Superstar, ein blockbusternder Weltenretter. Frey beschreibt ihn als selbstverliebten Zyniker mit grotesk aufgeblasenem Ego: “Er fragt sich, wie sein Leben verlaufen wäre, wenn er nicht so verteufelt gut aussehen würde. Vermutlich wäre er ein weltberühmter Professor an einer Ostküsten-Elite-Universität. Oder einer britischen Universität.” Viele seine Charakterzüge, seine Sorge um einen reinen Teint, um den korrekten Sitz der Kleidung, erinnern an den monströsen Patrick Bateman aus American Psycho. Parker bringt seine Opfer allerdings nicht um, er will nur mit ihnen ins Bett, wobei er auch gern mit ein bisschen Erpressung nachhilft. Das kostet ihn fast die Karriere, doch Parker kauft sich einfach frei – das allein unterscheidet ihn von den Verlierern.

Das alles beschreibt Frey in einem harten und wuchtigen Sprachdauerfeuer, das kein Verschnaufen zulässt. In jedem Absatz brodelt die Millionenmetropole. Allein das offenbart schon schriftstellerische Qualität. Doch trotz des spürbaren Willens zur Radikalität leidet das Buch unter seiner erzählerischen Halbherzigkeit. Frey kann sich nicht zwischen Pulp Fiction, Fegefeuer der Eitelkeiten und Aschenbrödel entscheiden. Die einzelnen Teile stehen unverbunden nebeneinander. Statt eine Portrait in vielen Facetten zu zeichnen, zeigt Frey die gleiche Facette aus verschiedenen Blickwinkeln. Auf 600 Seiten wird das dann trotz des atemlosen Stils etwas länglich. Insgesamt ist Strahlend schöner Morgen kein Buch, das den Leser lauwarm zurücklässt. Es ist wie Stadt, die es beschreibt: Sehr laut, sehr hart und faszinierend oberflächlich.

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David Van Reybrouck – Kongo

KongoDer Kongo ist ein reiches Land. Eigentlich. Früher gierte die Welt nach seinem Kautschuk und Elfenbein, heute sind es Diamanten, Kupfer, Coltan. Trotzdem gilt der Kongo als „Herz der Finsternis“, zerrissen von Kriegen, Armut und Gewalt. Diese traurige Geschichte, ein „abscheuliches Gericht, zubereitet mit den besten Zutaten“, erzählt der belgische Journalist David Van Reybrouck in seinem Buch „Kongo“.

Das Unheil nimmt seinen Lauf, als 1895 die Berliner Kongokonferenz das Land dem belgischen König Leopold II. als Privatbesitz zuspricht. Der König wittert Profit und drangsaliert die Bevölkerung mit hohen Steuern, die sie in Form von Kautschuk und Elfenbein begleichen muss. Die königlichen Steuereintreiber sind nicht zimperlich. Wer nicht liefert, dem wird schon mal eine Hand abgehackt. Für Belgien ist das zentralafrikanische Abenteuer ein lohnendes Geschäft. Zwischen 1920 und 1930 wächst das Steueraufkommen der Kolonie von 15,5 Millionen auf 269 Millionen Francs.

Nach dem überstürzten Ende der Kolonialherrschaft löst sich die Hoffnung auf bessere Zeiten schnell in Luft auf. Die Entkolonialisierung beginnt für den Kongo zu spät, dafür kommt die Unabhängigkeit viel zu früh. Wer soll das Land führen? Als Patrice Lumumba 1960 zum Präsidenten gewählt wird, gibt es gerade einmal 16 Kongolesen mit Universitätsabschluss. Es fehlen Ärzte, Ingenieure, Wirtschaftsexperten, Generäle – und Demokraten. So bleibt die 1. Republik unter Lumumba, von dessen unbeherrschten Charakter der Autor kein sehr positives Bild zeichnet, eine kurze Episode, geprägt von wirtschaftlichem Niedergang, Sezessionen und verfallender Infrastruktur. Mobutus Putsch setzt der Demokratie ein jähes Ende. Die Gewaltherrscher wechseln, der Schrecken bleibt. Zwischen 1998 und 2005 tobt im Kongo der tödlichste Konflikt seit dem 2. Weltkrieg mit 5 Millionen Toten. Die durchschnittliche Lebenserwartung sinkt auf 42 Jahre. 2011 belegt der Kongo im Human Development Index der Vereinten Nationen den letzten Platz.

Van Reybrouck erzählt kühl und ohne Pathos. Und er lässt die Menschen selbst zu Wort kommen – den Fußballer Longin „Élastique“ Ngwadi, die Jazzlegende Jamais Kolonga, einen ehemaligen Kindersoldaten oder die Schuldirektorin Régine Mutijima. Schade ist allerdings, dass der Autor sich sehr auf die politischen Ereignisse konzentriert, denn die interessantesten Passagen sind die wenigen Abschnitte, in denen man mehr über den Alltag, über Mode oder Kultur erfährt.

Was wird die Zukunft bringen? Allen schlechten Erfahrungen zum Trotz ruht alle Hoffnung auf dem Hunger der Welt nach den kongolesischen Bodenschätzen – und auf chinesischen Milliardeninvestitionen. Erz gegen Infrastruktur, lautet der Deal. Das Abkommen ist sieben Seiten lang.

 

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Rudolph Herzog – Der verstrahlte Westernheld

Der verstrahlte Westernheld

 

Bikini, Hiroshima, Harrisburg, Tschernobyl, Fukushima – die Geschichte der Nuklerartechnologie spart nicht an großen Katastrophen. In seinem Buch „Der verstrahlte Westernheld“ gräbt Rudolph Herzog statt dessen die weniger bekannten Fakten aus. Doch die bergen so viel Irrwitz, Naivität und Skrupellosigkeit, dass dem Leser erst recht Angst und Bange werden muss.

Eine Kostprobe? 1954 spielte John Wayne in dem vollkommen zurecht vergessenen Sandalen-Schinken „The Conquerer“ den Mongolenkrieger Dschingis Khan. Was außer dem Produzenten Howard Hughes und seinem Regisseur Dick Powell niemand wusste: Der Drehort, ein Wüstencanyon im südwestlichen Utah, war durch nuklearem Fallout kontaminiert. Ein Jahr zuvor hatte das Militär hier eine der “schmutzigsten” atmosphärischen Bomben aller Zeiten gezündet. Wochenlang stapften Schauspieler und Crew durch verstrahlten Wüstensand, den 1.000 Pferde und riesige Windmaschinen noch zusätzlich aufwirbelten. Ein Blick in die Krankenakte spricht Bände. Der Regisseur starb 1963 – an Krebs, die Hauptdarstellerin Susan Hayward 1975 – an Krebs. John Wayne hielt bis 1979 durch, dann starb er an… genau. Zufall? Vielleicht. Aber von den 220 Mitgliedern des Filmteams ereilte 91 dieses Schicksal – drei Mal mehr, als statistisch zu erwarten.

Bei aller Tragik für die Betroffenen ist das aber aus globaler Perspektive noch relativ harmlos. Wie sähe die Erde heute aus, wenn Edward Teller, der Erfinder der Wasserstoffbombe, tatsächlich seinen Plan umgesetzt hätte, mit 300 Atomexplosionen einen zweiten Panamakanal zu sprengen? Immerhin gab der US-Kongress in den sechziger Jahren 17,5 Millionen Dollar für eine Machbarkeitsstudie aus. Ähnliche Pläne gab es in Ägypten. Die UdSSR  erschloss Trinkwasserquellen mit Hilfe atomarer Sprengungen – zur Freude der Anwohner, die in den Kratern badeten. Allein im Kalten Krieg gingen 40 bis 50 Atombomben einfach verloren und sind nie wieder aufgetaucht. Die Liste des Irrsinns ließe sich noch beliebig verlängern.

In Anbetracht der zerplatzen Träume von atombetriebenen Flugzeugen, Autos und sogar Herzschrittmachern erscheinen auch viele aktuelle Heilsversprechen in einem ganz anderen Licht. Schon heute sitzen wir auf einem Berg von atomaren Müll, der noch Jahrtausende strahlen wird. Welche weiteren Kapitel wir dem Zeitalter der atomaren Unvernunft noch hinzufügen werden, steht noch in den Sternen, warnt Rudolph Herzog.

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Steve Sem-Sandberg: Die Elenden von Lodz

Die Elenden von LodzLodz im September 1942. Im jüdischen Getto herrscht ein hartes Regiment. Der Verwalter trimmt die Zwangsarbeiter auf höchste Produktivität, kürzt Lebensmittelrationen, von denen sowieso kaum einer leben kann, entscheidet über Leben und Tod. Sein Leben ist erheblich angenehmer, mit eigenem Wagen, Sommerresidenz und gut gefüllter Speisekammer. Dabei ist er selbst ein Jude: Mordechai Chaim Rumkowski, genannt der „Präses“, die Hauptfigur des halb-dokumentarischen Romans „Die Elenden von Lodz“ des schwedischen Autors Steve Sem-Sandberg. Rumkowski, im früheren Leben Textilfabrikant, führt das Getto wie eine auf Effizienz getrimmte Fabrik. Sie versorgt die deutsche Wehrmacht auf ihrem Feldzug nach Osten mit Uniformen, Stiefeln und Tarnkleidung. „Unser einziger Weg ist Arbeit“ lautet die Parole, mit der Rumkowski die ausgehungerten Gettobewohner zu immer neuen Höchstleistungen antreibt. Sein Kalkül: Die Produktivität der Gettoindustrie soll zur Lebensversicherung für die Juden werden.

Was wird aus einer Lüge, wenn sie die natürliche Konsequenz des Seins ist, fragt der Autor an einer Stelle. Rumkowski windet sich um eine Antwort und richtet sich in seiner Lüge ein, so gut es eben geht. Er redet von „seinem“ Getto, „seinen“ Arbeitern und „seinen“ Fabriken. Auf einer Industriemesse wirbt er bei den deutschen Besatzern für „seine“ Produkte. Sein Portrait ziert die Gettobriefmarken, die Geldscheine tragen seiner Unterschrift. Je mehr Rumkowski die Nazis imitiert, desto unangreifbarer fühlt er sich. Doch es gibt, wie wir seit Adorno wissen, kein richtiges Leben im Falschen. Rumkowski blickt in den selben Abgrund wie alle anderen Juden, denen wir im Roman begegnen: der Hilfsarbeiter Adam Rzepin, die Kinderkrankenschwester Rosa Smolenska oder Vera Schulzova, die im Gettoarchiv heimlich Zeitungsnachrichten sammelt. Mit jedem Privileg, das ihm die Nazis entziehen, mit jeder neuen Schikane dämmert Rumkowski mehr, dass es kein Entrinnen gibt. Als Ventil benutzt er seinen Adoptivsohn Staszek, den er sexuell missbraucht und mit sadistischen Strafen quält.

Ein Jude als Kollaborateur, sogar als Täter? Das ist für das guidoknoppisierte Publikum eine verstörende Perspektive, ist es doch aus unzähligen Fernsehdokumentationen gewohnt, die Juden als 6-Millionen-Heer gesichtsloser Opfer zu sehen. Wie Jonathan Littell in „Die Wohlgesinnten“ dem SS-Offizier Max Aue, so gibt Sem-Sandberg in seinem Buch den Opfern ihre Individualität zurück. Er gesteht ihnen zu, Böses zu tun, um ein bisschen länger zu leben. Chaim Rumkowski war ein rückgratloser Handlanger der Nazis, aber er hat auch Schulen und Krankenhäuser eingerichtet. Im August 1944 wurde Rumkowski in Auschwitz umgebracht. Wäre die Rote Armee ein paar Wochen früher in Lodz einmarschiert, hätte Polen heute einen Nationalhelden mehr.

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